Im November 2019 jährte sich der Fall der Berliner Mauer zum dreißigsten Mal. Wie auch in den Jahren davor, wurden bei den Feierlichkeiten  die schon unzählige Male ausgestrahlten Bilder von Menschenmassen, welche begeistert und jubelnd auf dem zuvor wenigstens von östlicher Seite her unnahbaren und undurchdringlichen Bauwerk stehen, gezeigt. Und auch diesmal riefen diese Bilder wieder und zu Recht positive Emotionen, Momente der Rührung hervor. Aber vielleicht schlich sich bei dem einen oder anderen auch ein Gefühl des Zweifels oder der Bitterkeit mit ein, denn auch nach drei Jahrzehnten definieren sich nicht alle Menschen als Gewinner der Wiedervereinigung. Nicht jeder konnte das Potential, welches sich vor ihm auftat tatsächlich fruchtbar machen. Und auch im globalen Kontext mag manch einem die Lust am Feiern vergehen, vergegenwärtigt man sich die seit geraumer Zeit kursierenden Pläne zu Errichtungen neuer Mauern, von denen manche bereits Realität geworden sind. Während die Berliner Mauer die Menschen von der Abwanderung abhielt, so sollen die Menschen nun von der Zuwanderung abgehalten bzw. das Land vor Zuwandernden „bewahrt“ werden. Mit der Empathie scheint es nicht gut bestellt, sobald sich Menschen in ihrer Existenz oder auch nur in ihren Privilegien bedroht fühlen, selbst wenn diese gefühlte Bedrohung meist mit der tatsächlichen Sachlage wenig zu tun hat, und eher auf einer diffusen, irrationalen Stimmung basiert. Ist unser Gedächtnis so unstet, dass wir nur allzu leicht vergessen, wie es sich anfühlt, nicht dort leben zu können wo man möchte? Der Wunsch nach Abgrenzung oder die Mauern in den Köpfen scheinen nicht weichen zu wollen. Wo ist die anfängliche Euphorie nach drei Jahrzehnten geblieben?

 

Für den Choreographen Arshak Ghalumyan geben die aktuellen Tendenzen Anlass, sich mit den historischen Gegebenheiten der Teilung Deutschlands eingehender zu befassen. Ein besonderer Fokus wird er dabei auf die Auswirkungen richten, welche die Abriegelung Ostdeutschlands und vor allem Ost-Berlins für die Bewohner beider Seiten hatten: Wie sah das Leben auf den beiden Seiten der Mauer aus? Auf welch unterschiedliche Arten arrangierten sich die Menschen oder eben auch nicht mit diesem 3,60 mtr hohen Betonmonster, das, von dem für Politpropaganda zuständigen SED-Funktionär Horst Sindermann euphemistisch als “antifaschistischer Schutzwall” bezeichnet wurde. Wie verändert sich ein Leben, dem die Freiheit genommen wurde? Wie verändert sich die Wahrnehmung und Nutzung des Körpers, der sich nicht mehr frei bewegen darf?

 

As Though Nothing Could Fall soll eine Art Spurensuche darstellen, die versucht die Geschichte und Geschichten der Teilung ohne Wertung anhand eines, sich aus individuellen Geschehnissen und Vorgängen zusammengesetzten Kaleidoskops zu beleuchten. Durch den Blick auf authentische Berichte soll ein facettenreicherer Eindruck entstehen als der, den die oft zum Klischee verfallenen Bilder der Medien erwecken. Aufnahmen jubelnder Massen, die uns in gefühlten Endlosschleifen kredenzt werden sollen so zur Seite geschoben werden, um eigene Erinnerungen wieder ins Bewusstsein zu bringen. Eine Spurensuche, die versucht vieles, was wenig oder nur oberflächliche öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, aufzustöber: Alltägliches, Verborgenes, Verschwiegenes, Vergessenes des Zeitraumes der Teilung.